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Zukunft für Religionsunterricht in Luxemburg

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FOTO: MARC SCHOENTGEN, Luxemburger Wort FOTO: MARC SCHOENTGEN, Luxemburger Wort

 

 

 

 

 

 

 

 

Pater Theo Klein SCJ

Für den schulischen Religionsunterricht

Das Fenster zur Wirklichkeit

bitte nicht schließen!

In Luxemburg hatten die Schüler die Wahl zwischen den Fächern „Katholische Religion“ und Moral. Die neue Regierungskoalition von Liberalen, Sozialdemokraten und Grünen unter Premierminister Xavier Bettel will allerdings die Fächer durch einen einheitlichen staatlichen Werteunterricht ersetzen. Dagegen erhebt sich starker Widerstand. So wehrt sich die Bürgerinitiative „Fir de Choix“ (Für die Wahl) mit Unterschriftenaktionen und Schülerdemonstrationen gegen eine staatliche Bevormundung; sie tritt für die Beibehaltung der Wahlfreiheit ein. Auch die katholische Kirche wendet sich gegen den „Einheitsbrei“. Erzbischof Jean-Claude Hollerich sprach von einer Missachtung der Demokratie.

Umfragen zufolge sind mehr als 70 Prozent der Bevölkerung für Wahlfreiheit. Allerdings hatte auch die zuvor regierende Christlich Soziale Volkspartei unter Jean-Claude Juncker in ihrem Wahlprogramm geplant, in der Sekundarstufe nur noch einen „Werte-und Zivilunterricht“ anzubieten. Bisher haben sich rund 60 Prozent der Schüler in der Sekundarstufe für den Religionsunterricht entschieden. Von den rund 555 000 Einwohnern Luxemburgs sind etwa 69 Prozent katholisch, knapp vier Prozent gehören protestantischen und orthodoxen Kirchen sowie Freikirchen an. Etwa 25 Prozent sind konfessionslos, und die übrigen gehören anderen Religionen an. (1)

Religionsunterricht – wieso, weshalb, warum?

Die Auseinandersetzung mit dem Religionsunterricht bringt die große Spannung zum Ausdruck, dass einerseits die Schule, der es um Bildung und Erziehung der kommenden Generation geht, ein elementarer Ort der gesellschaftlichen Öffentlichkeit ist und anderseits wird Religion in der neuzeitlichen Gesellschaft derart einem wirksamen Privatisierungsprozess ausgesetzt, dass sie weithin zum persönlichen Geschmack des einzelnen Menschen geworden ist. Wäre es nicht angebracht, in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit die Religionsfreiheit zu gewährleisten? Dabei ist Religionsfreiheit nicht nur im negativen Sinne zu verstehen, dass niemand zu einer Religion gezwungen werden darf, sondern dass der Staat Toleranz in religiösen Angelegenheiten garantiert. Die Religionsfreiheit ist vielmehr auch im positiven Sinn zu verstehen, dass den Menschen die freie Ausübung ihrer Religion garantiert wird. Wenn heute die Kunde von ganzheitlicher Bildung in aller Munde ist, so vermag man ihr nur gerecht zu werden, wenn die religiöse Dimension als integrales Element der Bildung in der öffentlichen Schule anerkannt und gefördert wird. Wird die Religion in der Schule ausgeklammert, ist es eine Lüge, von ganzheitlicher Bildung zu sprechen.

Religion war bis jetzt immer in dem Bildungsauftrag der öffentlichen Schule einbezogen, weil die europäische Kultur ohne die christliche Religion nicht zu verstehen ist. Würde das Fach Religion in Zukunft wegfallen, wäre bei der kommenden Generation ein geistiges Banausentum vorprogrammiert. Welches kulturgeschichtliches Niveau kommt zum Ausdruck, wenn Schüler keinen Unterschied mehr machen zwischen Golgotha und Colgate? Wenn heute über das sinkende intellektuelle Niveau lamentiert wird, so wäre eine Auffrischung des religiösen Wissens in kultureller Hinsicht notwendig.

Wenn der Staat auf seine weltanschauliche Neutralität pocht, so kann und darf dies nicht mit Wertneutralität verwechselt werden, da sonst die Religionsfreiheit ausgeblendet würde. Daher ist es meiner Meinung nach wichtig, das Fenster zur Wirklichkeit durch den schulischen Religionsunterricht nicht zu verschließen. Religionsunterricht möchte Kinder und Jugendliche bei ihrer Suche nach Orientierung und Lebenssinn begleiten. Er stellt auf altersgemäße Weise den Zusammenhang zwischen Glaube und Leben dar.

Er ermöglicht, die Bedeutung des Evangeliums von Jesus Christus im Leben zu entdecken und bietet eine Hilfe, um das Leben als Christ zu deuten und zu gestalten. Er möchte junge Menschen mit Glauben als Einstellung, Haltung und Lebenspraxis in Berührung bringen. Kinder und Jugendliche haben Lebensfragen, Sorgen, Ängste, Erwartungen und Hoffnungen. Der Religionsunterricht achtet die jungen Menschen als Mitgestalter ihrer religiösen Alltagswelt und stärkt die Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft. Mädchen und Jungen werden ermutigt, sich selbst und einander als Geschöpfe Gottes mit individuellen Gaben und Grenzen im Blick auf gemeinsame Aufgaben anzunehmen und zu stärken. Der katholische Religionsunterricht schließt die Augen nicht vor pluralen Lebensverhältnissen, religiösen Phänomen und Sinndeutungsangeboten. Er gibt die Möglichkeit darüber zu reflektieren, wie wir das Leben individuell, gemeinschaftlich, gesellschaftlich sehen.

Da unsere Kultur eine christliche Prägung hat, geht der Weg an der biblisch-christlichen Tradition nicht vorbei. Kinder und Jugendliche lernen religiöse Sprach- und Gestaltungsfähigkeit zu entwickeln. Religionsunterricht möchte anleiten, eigene Positionen zu entwickeln und zu vertreten. Er ermöglicht Begegnungen und fördert die Bereitschaft, andere Auffassungen zu tolerieren und von anderen zu lernen. Er befähigt, mit anderen zusammen die Frage nach Gut und Böse, Recht und Unrecht zu stellen und setzt sich für ein Leben in Freiheit, Demokratie und sozialer Verantwortung ein. Gemäß biblischer Weisung geht es immer um individuelle Anerkennung und soziale Gerechtigkeit und Nächstenliebe. Die Armen, Fremden und Perspektivlosen dürfen niemals übergangen werden. Deshalb kann der Religionsunterricht nicht einfach von den eigenen Interessen der Kirche geleitet sein, sondern muss als Dienst an Gesellschaft und Staat gesehen und verwirklicht werden.

Karl Kardinal Lehmann, Bischof von Mainz, bringt es klar und deutlich auf den Punkt, dass der Religionsunterricht in Schule insofern „gewiss nicht zuerst der christlichen Gemeinde, gleichsam als Zulieferer des religiösen Nachwuchses dient. Er soll zuerst der Bildung und Erziehung des jungen Menschen dienen, damit er sein Leben mit allen Aufgaben, Veränderungen und Krisen selbst gestalten und bewältigen kann. Die muss ganzheitlich geschehen, Leib und Seele, individuelle Reifung und Gemeinschaftsfähigkeit betreffen“(2).

Müsste der schulische Religionsunterricht Abschied nehmen, würde sich die katholische Kirche zugleich aus einem elementaren Bereich des öffentlichen Lebens zurückziehen. Damit wäre die Privatisierung der Religion an ihrem verhängnisvollen Ende angelangt.

Wenn die religiöse Bildung der kommenden Generation uns ein Anliegen ist, dann sind wir alle aufgerufen, uns für den katholischen Religionsunterricht zu engagieren. Welche Vorteile hat Luxemburg, wenn das Fenster des schulischen Religionsunterricht für die menschliche, soziale, kulturelle und religiöse Wirklichkeit geschlossen würde ...?

Pater Theo Klein SCJ

 

(1) kath.net vom 10. Mai 2014: Streit um Religionsunterricht in Luxemburg

(2) Karl Lehmann / Hrsg.) Religionsunterricht in offener Gesellschaft. Ein Symposium im Bonner Wasserwerk ( Stuttgart 1998) 31.

Luxemburger Wort vom Mittwoch, 28. Mai 2014, Seite 10

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