Home | Publications | Jean-Jacques Flammang | Materialismus und Evolutionismus

Materialismus und Evolutionismus

Taille de la police: Decrease font Enlarge font
Materialismus und Evolutionismus

Wie wissenschaftlich sind Materialismus und Evolutionismus?

Anmerkungen zu rezenten Studien

 

Seit einigen Jahren hat sich in atheistischen Gefilden ein gewisser Evolutionismus breitgemacht, der den philosophisch eher schlechten Argumenten gegen Gott eine Art wissenschaftliche Qualität verleihen soll. Dieser Evolutionismus selbst ist kein Ergebnis der modernen Naturwissenschaften. Er ist vielmehr eine nicht berechtigte Ausdehnung der wissenschaftlichen Ergebnisse der biologischen Evolutionstheorie auf alle Seinsbereiche. Solche Ausdehnung ist, rein wissenschaftstheoretisch gesehen, unzulässig.

So beklagt sich der österreichische Physiker Herbert Pietschmann: „Als Physiker, der sein Lebenswerk der theoretischen Erforschung der Bausteine der Materie gewidmet hat, ist mir die Naturwissenschaft gleichsam geistige Partnerin geworden, aus der ich Kraft und Lebensfreude schöpfen kann. Umso mehr fühle ich mich betroffen, ja auch verletzt, wenn meine Wissenschaft dazu missbraucht wird, Scheinargumente für einen Nihilismus, Materialismus und Atheismus zu liefern. Ich weiß wohl, dass solche geistigen Haltungen meist auf eine besondere Persönlichkeitsstruktur zurückgeführt werden können. Ich will daher niemanden das Recht absprechen, seinen persönlichen Lebensplan auf eine dieser Glaubensformen zu gründen. Wenn aber in der Öffentlichkeit das Prestige, das Naturwissenschaftler mit Recht genießen, so lange sie über ihr Fach sprechen, ausgenutzt wird, um solche persönliche Einstellungen als „objektive Wahrheiten“ zu verkünden, dann ist Einspruch gefordert.“ Einspruch erhebt denn auch Norbert Leser, emeritierter Professor für Rechts- und Staatsphilosophie, in seinem neuen spannenden Buch „Gott lässt grüßen. Wider die Anmaßung des Reduktionismus und Evolutionismus“. [1]

Dieses Buch ist all jenen zu empfehlen, die in Sachen Erziehung und Wissenschaft politische Entscheidungen zu treffen haben, aber auch jenen, die vielleicht allzu schnell atheistische Behauptungen als wissenschaftliche Erkenntnisse kritiklos annehmen.

Mit dem Evolutionismus, der den Materialismus und Atheismus beweisen und begründen soll, ist die Einstellung gemeint, die an der alleinigen Wirklichkeit der Materie festhält, „eine Weltsicht, in der Zufall und Selektion anstelle einer übernatürlichen Wirklichkeit treten und als alleiniges Erklärungsmuster der Wirklichkeit fungieren“[2]: eine Weltsicht also, nicht eine moderne naturwissenschaftliche Erkenntnis. Wie beim Glauben an den Schöpfergott geht es auch beim Glauben an Zufall und Selektion nicht um wissenschaftliche Naturerkenntnis, sondern um mehr oder weniger kohärente Metaphysik und systematische Philosophie. Übersieht man diesen Unterschied, dann kann man leicht falscher Ideologie verfallen.

 

Wohl a-theistisch, aber nicht atheistisch.

Seit ihren Anfängen sind die modernen Naturwissenschaften sicher „a-theistisch“[3], in dem Sinne, dass sie darauf verzichten, sich auf Gott zu beziehen, um natürliche Begebenheiten zu erklären. Mit diesem methodischen A-Theismus hat die moderne Naturwissenschaft sich selbst ihre Grenzen festgesetzt, die sie nicht überschreiten will und kann. Diese Vorentscheidung, Gott außeracht zu lassen, hat es ermöglicht auf dem Gebiet der Natur zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Denn wo Gott als Ursache entfällt, da können andere Zusammenhänge aufgedeckt werden. Über Gott selbst aber kann die moderne Naturwissenschaft nichts sagen: ist sie auch methodisch a-theistisch, inhaltlich kann sie weder theistisch noch atheistisch werden, ohne ihr Eigenes zu verlieren.

Wenn sich nun trotzdem Naturwissenschaftler zur Gottesfrage äußern, dann tun sie es außerhalb des festgesetzten Rahmens der modernen Naturwissenschaft. Als an der Gottesfrage interessierte Menschen können sie wohl auf naturwissenschaftliche Ergebnisse zurückgreifen, machen aber mit der Rede über Gott selbst keine Naturwissenschaft, sondern Metaphysik. Mehr oder weniger gute. Denn auch Metaphysik ist als systematische Philosophie Wissenserwerb und kann bewertet werden. 

Den Übergang von den methodisch a-theistischen Naturwissenschaften zu theistischen oder atheistischen Positionen kann der einzelne Forscher zwar vollziehen, moderne Naturwissenschaft aber macht er dabei nicht.

 

Theismus oder Atheismus? Keine moderne naturwissenschaftliche Frage

Das Überschreiten der von den modernen Naturwissenschaften für sich selbst festgesetzten Schranken kann auf verschiedene Weise stattfinden.

Ein einfacher, aber irreführender Versuch ist es, den methodischen A-Theismus in einen weltanschaulichen Atheismus umzuwandeln. Da die Naturwissenschaften Erklärungen ohne Gott geben, brauche man keinen Gott, ja gebe es keinen Gott, und somit wäre der Atheismus naturwissenschaftlich bewiesen.

Dieser Fehlschluss wird oft von aggressiven Neo-Atheisten à la Richard Dawkins gemacht, die wohl naturwissenschaftlich informiert sind, sich aber als philosophische Analphabeten entpuppen. Der oben erwähnte Evolutionismus ist eine der Spielarten dieses materialistischen Atheismus. Aus der naturwissenschaftlichen Evolutionstheorie werden Zufall und Selektion zurückbehalten und als alleiniges Erklärungsmuster auf das Ganze der Wirklichkeit ausgedehnt, ohne zu bemerken oder anzumerken, dass dabei die Schranken der modernen Naturwissenschaften überschritten werden.    

Hier kann man Uwe Meixner voll zustimmen, wenn er warnend schreibt: „Heute gibt es eine neue Form des metaphysischen Dogmatismus – eine für den freien Geist gefährlichere, weil verborgene Form. Der neue metaphysische Dogmatismus wird gerade nicht von sich selbst verstehenden Metaphysikern praktiziert, sondern von philosophisch angehauchten Naturwissenschaftlern, die in durchaus fragwürdiger Weise weltanschauliche Konsequenzen aus empirischen Fakten ziehen und dabei naiv beanspruchen, sie ließen – in einer überlegenen Form von Vernünftigkeit – die Philosophie, und mit ihr natürlich jede Form von Metaphysik hinter sich. Sie täuschen sich selbst, und was schlimmer ist, sie täuschen andere. Was sie tatsächlich betreiben, ist schlechte Metaphysik, Metaphysik, wie sie gerade nicht rational möglich ist und wie sie gerade nicht sein sollte.“ [4]

Eine andere Art, den methodischen A-Theismus der modernen Naturwissenschaften zu missachten, besteht darin, ihn zum Theismus umwandeln zu wollen. Da die modernen Naturwissenschaften keine letzten Erklärungen der Naturphänomene in der Natur angeben, müssten diese in Gott zu finden sein. Deshalb sei Gott die erste Ursache von allem und somit seine Existenz wissenschaftlich bewiesen.   

Was die evolutionistischen Atheisten durch Zufall und Selektion erklären wollen, erklären natürlichen Theisten durch Gott. Beide Vorgehensweisen sind naturwissenschaftlich nicht gerechtfertigt. Moderne Naturwissenschaft ist weder atheistisch noch theistisch, sie ist methodisch a-theistisch und lässt deshalb die Gottesfrage bewusst außeracht.

Das will nun aber nicht sagen, dass wir nichts Vernünftiges zur Gottesfrage beitragen können. Ganz im Gegenteil. 

 

Die Seins- und Gottesfrage, Teil der systematischen Philosophie

Weil die modernen Naturwissenschaften nichts über Gott aussagen können, muss die Gottesfrage, da sie den Menschen absolut angeht, anderswo behandelt werden. Hier bieten sich wenigstens zwei Möglichkeiten an.

Verschiedene Wissenschaftler empfinden den methodischen A-Theismus der modernen Naturwissenschaften nicht gerechtfertigt und wollen nach einem Paradigmenwechsel die Gottesfrage auch wissenschaftlich beantworten können. Warum Gott bewusst aus dem wissenschaftlichen Forschungsgebiet ausschließen? Gibt es für eine solche Vorentscheidung vernünftige Gründe? Wäre es nicht besser, die Methode der Naturwissenschaften neu zu gestalten, um dann auch die Gottesfrage wissenschaftlich angehen zu können?

Zeitgenössische Wissenschaftler, wie Stephen Hawking[5], versuchen solch neue Wege zu beschreiten. Sie haben eine „Wissenschaft von allem“ im Blick. Ob diese neue Wissenschaft sich nun grundlegend von Metaphysik oder systematischer Philosophie unterscheidet, bleibt noch unentschieden, da die wirklich wissenschaftlichen Ergebnisse bis jetzt recht mager sind.[6]

Offen bleibt auch die Frage, ob die Wissenschaft nach einem vollzogenen Paradigmenwechsel atheistisch oder theistisch sein wird, ob sie Gottes Sein belegt oder widerlegt. Scheint für Stephen Hawking diese neue Wissenschaft eher atheistisch zu sein, so befürworten andere eine theistische Wende, wo am Ende Gott als wissenschaftliche Erkenntnis erscheint.[7] Diese neuen „Wissenschaften“ sind mit Vorsicht zu genießen.[8]

Der andere mögliche Weg, die Gottesfrage anzugehen, setzt nicht bei den Naturwissenschaften an, sondern bei der Metaphysik und der systematischen Philosophie. Den Naturwissenschaften sei es nicht gegeben eine Theorie über alles zu entwerfen, wohl aber der Philosophie, deren Bereich nicht unbedingt begrenzt sein muss.

Im Anschluss an das außergewöhnlich reiche Werk des deutschen Philosophen Lorenz B. Puntel[9] hat Alan White[10] nun eine Zusammenfassung des Denkweges einer kohärenten Theorie über alles gegeben. Musste die moderne Naturwissenschaft ihren Bereich zum besseren Studium eigenständig einschränken, so arbeitet struktural systematische Philosophie bewusst uneingeschränkt und stellt somit eine Theorie des Zusammenhangs aller Strukturen und Dimensionen des Seins auf. Philosophie wird demnach als „Theorie der universalen Strukturen des uneingeschränkten universe of discourse“ verstanden. Eine Aussage ist nur wahr in einem Theorierahmen in Bezug auf einen universe of discourse, und somit ist es wichtig, einen philosophischen Theorierahmen eindeutig für die Gottesfrage festzulegen. Diese aber ergibt erst dann Sinn, wenn sie in einer Theorie des Seins als solchen und im Ganzen gestellt werden kann.  

Einer struktural systematischen Theorie über alles ist es versagt, sich mit der  kontingenten Seinsdimension allein abzufinden. Puntel fasst seine Argumentation, die Alan White übernimmt, wie folgt zusammen: „Wenn alles Sein kontingent wäre, dann wäre das absolute Nichts möglich; nun ist das absolute Nichts nicht möglich; daher ist nicht alles kontingent.“ Aufgabe der struktural systematischen Philosophie ist es, das Verhältnis von kontingenter und absolutnotwendiger Seinsdimension zu explizieren. Hier weist sich das absolutnotwendige Sein als geistiges, personales Sein, als Schöpfer der Welt, als das, was die religiöse und theologische Tradition mit dem Namen „Gott“ bezeichnet.

Wir können hier nicht genauer auf den Gedankengang, die Erkenntnisse und die ganze Tragweite dieser struktural systematischen Philosophie eingehen. Da sie nach dem Urteil von Emmanuel Tourpe einer der bedeutendsten Beiträge zur Metaphysik der letzten fünfzig Jahre liefert, wird man wohl in Zukunft öfters auf dieses Denken zurückkommen. Mit ihm erweisen sich materialistischer Nihilismus und atheistischer Evolutionismus, die schon ihr naturwissenschaftliches Ansehen verloren haben, auch als rein logisch unhaltbar.

P. Jean-Jacques Flammang SCJ

in "Die Warte" (Luxemburger Wort), 9. Mai 2014



[1] Norbert Leser: Gott lässt grüßen. Wider die Anmaßung des Reduktionismus und Evolutionismus. Mit einem Geleitwort von Anton Zeilinger. Mitarbeit: Paul R. Tarmann. Wien, Ibera Verlag, 2013, 144 Seiten. ISBN 978-3850-52323-3. Das Pietschmann Zitat befindet sich S. 25.

[2] Ibidem : S.26.

[3] Dieser Ausdruck verwendet Norbert Leser in Gott lässt grüßen.

[4] Uwe Meixner: Möglichkeit und Wirklichkeit der Formalen Ontologie, S. 101, in Matthias Lutz-Bachmann. Thomas M. Schmidt (Hg): Metaphysik heute – Probleme und Perspektiven der Ontologie. Metaphysics Today – Problems and Prospects of Ontology, Freiburg. München, Karl Alber, 2007, 234 Seiten. ISBN: 978-3-495-48217-9

[5] cf. zum Beispiel Stephen Hawking et Leonard Mlodinow : Y a-t-il un grand architecte dans l’Univers ? traduit de l’anglais The Great Design 2010, par Marcel Filoche. Paris, Odile Jacob, 2011, 240 pages. ISBN 978-2-7381-2313-8

[6] cf. Wolfgang Smith : Réponse à Stephen Hawking. De la physique à la science-fiction. Préface de Jean-Jacques Flammang. Traduit de l’anglais par Ghislain Chetan (Métaphysique au quotidien), Paris, L’Harmatton, 2013, 95 pages. ISBN : 978-2-434-00466-2.

[7] cf. zum Beispiel das Gedankengut, welches die Gebrüder Bogdanov in ihren Büchern zusammentragen : Le visage de Dieu ; La pensée de Dieu ; La fin du hasard.

[8] cf. meine kritische Besprechung von Stephen Hawking : Quand des scientifiques veulent devenir métaphysiciens sans en avoir les moyens... in der Warte vom 9. Februar 2012.

[9] Lorenz B. Puntel : Struktur und Sein. Ein Theorierahmen für eine systematische Philosophie. Tübingen, Mohr Siebeck, 2006, 687 pages. ISBN 987- 3-16-148964-0 et Sein und Gott. Ein systematischer Ansatz in Auseinandersetzung mit M. Heidegger, E. Lévinas und J.-L. Marion, Tübingen, Mohr Siebeck, 2010, 444 pages. ISBN 978-3-16-150146-3.

[10] Cf. Alan White : Toward a Philosophical Theory of Everything. Contributions to the Structural-Systematic Philosophy, New York, London, New Dehli, Sydney, Bloomsbury, 2014, 192 pages. ISBN 978-1-62356-718-7.