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Handbuch Christian Wolff

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Handbuch Christian Wolff

Das neue „Handbuch Christian Wolff“

Nicht jeder vernünftige Mensch ist gleich schon Atheist

Wolffs Philosophie ist ein offenes Projekt

von P. Jean-Jacques Flammang SCJ 

Christian Wolff (1679-1754) ist bekannt, weil sich Kant mit ihm, „dem größten unter allen dogmatischen Philosophen“ auseinander-gesetzt hat, um am Ende seiner „Kritik der reinen Vernunft“ festzuhalten, dass der Philosophie nur noch der kritische Weg offenstehe und nicht mehr das Wolff'sche enzyklopädische System.

Wolff wurde dann mehr oder weniger vergessen, bis 1962 die ersten Bände seiner „Gesammelten Werke“ von Jean Ecole, Hans Werner Arndt u. a. veröffentlicht wurden. Diese Werkausgabe, an der heute auch der Luxemburger Philosophieprofessor Robert Theis mitwirkt, erlaubt es, sich eingehender mit dem von Leibniz inspirierten Philosophen der deutschen Aufklärung zu beschäftigen. Beste Hilfe dafür bietet auch das nun vorliegende „Handbuch Christian Wolff“, dessen Herausgeber Robert Theis und Alexander Aichele es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Wolff'sche Philosophie nach dem heutigen Stand der Forschung global darzustellen. Sie konnten für dieses Projekt 20 weitere Wolff-Spezialisten aus aller Welt zum Mitwirken an diesem imposanten 520 Seiten umfassenden Handbuch bewegen.

Für den Systematiker Christian Wolff ist die Philosophie nicht nur ein Zusammentragen erkennbarer Fakten, sondern ein methodisches Ordnen dieser Fakten, und vor allem ein Suchen nach deren Gründen (rationes). So ist seine Philosophie kein abgeschlossenes Ganzes, sondern ein offenes Projekt. „Es gibt noch viel zu entdecken“, meinte er dazu; und die Herausgeber des Handbuches erläutern, dass der Mensch zwar ein Weltweiser ist, aber eben nur ein unvollkommener, Gott allein ist DER „philosophus absolute summus“, der absolut größte Philosoph.

Androhung des Stranges

Will man die deutsche Aufklärung und ihren „Glauben an die Macht der Vernunft“ tiefer verstehen, führt kein Weg an Wolff vorbei. Das vorliegende Handbuch informiert gründlich und kompetent, im Wissen darum, dass es in der Philosophiegeschichte keine radikalen Brüche gibt: „Jeder Nachfolgende baut in bestimmter Weise auf den Fundamenten – oder aber auch: Ruinen – der Vorgänger auf. (...) Wer das Spätere angemessen verstehen will, kommt nicht daran vorbei, nach (dem) Hintergrund Ausschau zu halten.“ Dies gilt auch für die einflussreiche kritische Philosophie Kants, deren Hintergrund die an allen deutschen Universitäten verwendeten Wolff'schen philosophischen Lehrbücher sind. 

Am 24. Januar 1679 in Breslau geboren, lehrte Christian Wolff, nach seinen Studien in Jena und Leipzig, zuerst Mathematik, Philosophie und Theologie in Leipzig, dann ab 1709 Logik, Metaphysik und Moral in Halle, wo die Pietisten erreichten, dass er im November 1723 bei Androhung des Stranges binnen 48 Stunden Preußen verlassen musste. Wolff fand Aufnahme in Hessen, lehrte dort in Marburg Mathematik und schrieb sein umfangreiches lateinisches Werk, das, besser als sein deutsches, ihn europaweit bekannt machte. 1740 wurde er von Friedrich II. nach Halle zurückberufen, wo er nach zahlreichen weiteren Veröffentlichungen am 9. April 1754 starb. 

Im „Handbuch Christian Wolff“ vertieft Gerhard Biller diese Biografie und erstellt eine vollständige Wolff- Bibliografie mit Hunderten von Titeln, unter ihnen auch der Briefwechsel zwischen Leibniz und Wolff. 

Christian Leduc und Sébastien Neveu behandeln anschließend die Quellen der Wolff'schen Philosophie: die Scholastik, deren Ontologie Wolff aufnimmt; das Denken von Leibniz, dessen programmatische Ideen er in einer ausführlichen Theorie gestaltet; sowie der Einfluss jener Philosophen, die er in Jena studiert hat, unter ihnen Weigel und von Tschirnhaus, die wie er eine klare, vollständige und geordnete Philosophie anstrebten. 

Mit dem Wolff’schen Philosophiebegriff beschäftigt sich Jaun Ignacio Gàmez Tutor und weist auf, wie jener Philosophie als universale Wissenschaft versteht. Sie ist universal, weil ihr Wirkungsbereich alle möglichen Dinge umfasst; sie ist Wissenschaft, weil sie sich bemüht, die Begründungen für den Schritt der möglichen Dinge zur Wirklichkeit zu liefern. Aufgabe der Philosophie ist es demnach, den Verwirklichungsprozess des Möglichen zu begründen, ihr Ziel dagegen, nach Gewissheit zu streben. 

Ohne wirklich neue Theorien zu erarbeiten, entwickelt Wolff ein neues Verständnis der erkennend-logischen Aktivität als Einsatz aller geistigen Fähigkeiten, von der Empfindung bis zur Vernunft. Dies hält Luigi Cataldi Madonna in seinem Beitrag über die Logik fest, während Matteo Favaretti Camposampiero bemerkt, dass Wolff der Sprachphilosophie zwar kein eigenes Traktat gewidmet hat, trotzdem aber sprachtheoretische Themen in seinen zahlreichen Schriften behandelt, wie zum Beispiel die Geist-Hirn-Beziehungen oder die Artikulation zwischen Sprache und Wahrheit. 

Im metaphysischen Teil wird sich auf Wolffs Unterscheidung bezogen zwischen metaphysica generalis und metaphysica specialis. Erstere ist die Seinslehre, von der Dirk Effertz aufzeigt, dass sie nicht nur die scholastische Tradition und die weiteren neuzeitlichen Entwicklungen aufnimmt, sondern auch die Mathematik und die zeitgenössische Wissenschaft einbezieht, sodass ihre Wirkungsgeschichte „als beträchtlich“ bezeichnet werden kann. In seinem Werk hat Kant sich mit dieser Ontologie kritisch auseinandergesetzt, und Johann Eduard Erdmann behauptet, „dass es kaum eine einzige Kategorie in Hegels ,Wissenschaft der Logik‘ gibt, die Wolff in seiner Ontologie nicht auf seine Weise erörtert habe“. 

Die spezielle Metaphysik behandelt als Hauptthemen Seele, Kosmos und Gott. Rationale Psychologie ist die Lehre von der Seele als Quelle alles seelischen Seins. Jean-François Goubet zeigt, wie sie Stellung nimmt gegen den Materialismus, und wie sie, genauso wie die transzendentale Kosmologie, den Aufstieg zu Gott vorbereitet. Wolffs empirische Psychologie ist eine innovative Erweiterung seiner rationalen Psychologie, fungiert sie doch als „Probier-Stein“ für die rationalen A-priori-Deduktionen und ergänzt so die wissenschaftliche Erkenntnis der Natur, wie Paola Rumore erläutert. Anhand der empirischen Psychologie lässt sich die Beziehung zwischen Vernunft und Erfahrung, ein Grundaspekt der Wolff’schen Wissenschaft, gut veranschaulichen. 

Sebastian Simmert entwickelt Wolffs Kosmologie, deren Besonderheit gegenüber dem Empirismus darin besteht, zu zeigen, dass alle Ereignisse in der Welt rational und systematisch begründbar sind. Den Schlussstein der Wolff’schen Metaphysik bildet die rationale Theologie, der es nicht nur darum geht, das weltliche Seiende in einem Urheber (Gott) metaphysisch zu begründen, sondern auch darum, die fundamentale Übereinstimmung der Philosophie mit der Lehre der Heiligen Schrift aufzuzeigen, wie Robert Theis es in seinem Beitrag belegt. 

Ein weiterer Teil des Handbuchs betrifft Wolffs praktische Philosophie. Clemens Schwaiger führt in die Ethik ein, und weist dabei, dass man sich auch ohne (geoffenbarten) Gottesglauben durch wahre Tugend auszeichnen kann. Die chinesische Kultur belegt es, und die Erkenntnis Gottes ist dann lediglich als vertiefende Motivation zum moralischen Handeln zu betrachten. Dies bildet ein bis heute mustergültiges Lehrstück für den interkulturellen Dialog.

Wieso es für Wolff keine moralisch indifferenten freien Handlungen gibt, zeigt Alexander Aichele in seinem Beitrag über Naturrecht, dessen Gesetz universal und vollständig ist. Selbst Gott kann das Prinzip des Naturrechts, das allen gilt, nicht ändern. Birger P. Priddat und Christoph Meineke erläutern die auf Naturrecht gründende Ökonomie, in der Wolff Gedanken entwickelt, die bei James Steuart und den deutschen Physiokraten fortwirken. Wolffs Politik thematisiert sowohl Ehe und Familie als auch Macht, Gewalt und Regierung sowie Religion und Atheismus, wie Annika Büsching zeigt. Auch Physik und Mathematik hat Wolff neu dargestellt und vertieft. Beiträge von Simone De Angelis und Paola Cantù erläutern dies.

Ein letzter Teil des Handbuches befasst sich mit den Kontroversen um Wolff und dessen Rezeption. Anna Szyrwinska gibt Einblick in die tragischen Auseinandersetzungen mit den Pietisten, Stefanie Buchenau erläutert Wolffs Rezeption in der Ästhetik, während Michael Albrecht über Wolff in Deutschland und Sonia Carbonici über Wolff in Europa schreiben. 

Erklärungsmodelle der Wirklichkeit

Das Handbuch schließt mit einem Personenregister von mehr als 380 Namen und einem dreiseitigen übersichtlichen Sachregister, auf Deutsch und Englisch. Ist der Religion auch kein eigenes Kapitel gewidmet, so dreht sich doch vieles im Leben und im Werk Wolffs um dieses Thema.

In seinem Beitrag über natürliche Theologie fasst Robert Theis die metaphysische Grundhaltung Wolffs so zusammen: „Gott ist der letzte Grund von jeglichem Seienden; Seelen und Körper sind nicht durch sich selber, sondern bedürfen, um zu sein und im Sein zu beharren, eines Urhebers. Dieser wird Gott genannt. Und somit ist die Lehre von Gott ,die allerwichtigste […], welche in der gantzen Welt-Weisheit vorkommet‘“.

Religion und Glaube einerseits, Aufklärung und Vernunft andererseits bezeichnen lange Zeit die zentrale Kontroverse in der Auseinandersetzung um Wolff, der festhielt, wie schon oben angedeutet, „dass ethische Prinzipien religionsunabhängig, aus reinen Vernunftgründen gelten“ können. Zu vorbildlichen Moralauffassungen kann man auch gelangen, ohne sich auf die christliche Offenbarung zu stützen. Atheisten sind also nicht böse, solange sie vernünftig sind. Sie sind aber, laut Wolff, gemeinwohlschädlich, wenn sie andere Menschen, die unvernünftig sind, zum Atheismus verführen.

Atheismus, Gottesglauben, Vernunft und Unvernunft stellt Wolff erläuternd in Zusammenhang. Selbst des Atheismus angeklagt, verlangt er, dass man Vernunft nicht sofort mit Atheismus gleichsetzen soll, wie es die Pietisten in Halle taten.

In seiner „Deutschen Politik“ schreibt Wolff deshalb: „Man hat demnach sowohl diejenigen zu bestraffen, welche wegen ihres Verstandes berühmte Männer in Verdacht der Atheisterey bringen; als die, welche die atheistischen Lehren unter die Leute bringen.“ Vernünftige Menschen als Atheisten zu verdächtigen, ist demnach genauso schlimm, wie atheistische Lehren unter unvernünftigen Menschen zu verbreiten. 

Nicht nur historisch interessant sind die Auseinandersetzungen zwischen Wolff und den Pietisten, in denen es – abstrakt gesehen – um zwei grundlegende Erklärungsmodelle der Wirklichkeit geht: einerseits die religiöse Einstellung, die Gott Freiheit zugesteht und somit auch Wunder ermöglicht und gutheißt; andererseits die rationalistische Erklärung, die für alles Seiende, und vielleicht auch für das Sein selbst, einen zureichenden Grund angeben kann und somit ein rein deterministisches Modell befürwortet, in dem Freiheit, Glaube und Religion keine zentrale Rolle mehr spielen. Sicher hatten damals die Pietisten nicht unrecht, als sie auf die rationalistische aufklärerische Enge aufmerksam machten, die eine einseitige Weiterführung der Wolff’schen Philosophie mit sich bringen könnte. Andererseits ist das rationalistische autonome Projekt nicht einfach von der Hand zu weisen, und seine späteren technologischen Auswirkungen werden den weniger kritischen Beobachtern Sand ins geistige Auge streuen können. Hier müssen größere Geister als die Haller Pietisten auf bestehende Gefahren hinweisen. Der gesellschaftspolitische Frieden wird in Zukunft davon abhängen, wie heutige Wissenschaftler und Philosophen die religiöse Freiheit und die Wahrheit der Offenbarungsreligionen kritisch in ihr Denken miteinbeziehen. Hier könnte eine an Robert Theis anschließende Kantlektüre behilflich sein, um nicht neuen, dogmatisch unkritischen, wissenschaftlichen Weltinterpretationen zu verfallen. 

Das „Handbuch Christian Wolff“ gibt jedenfalls genügend Stoff für konstruktive Auseinandersetzungen. Und das allein ist Grund genug, sich eingehender mit „dem größten unter allen dogmatischen Philosophen“ auseinanderzusetzen.

 

Robert Theis. Alexander Aichele (Hrsg.): Handbuch Christian Wolff, Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, 2018, 520 Seiten. ISBN 978-3-658-14736-5

erschienen am 27.09.2018 in der "Warte" vom Luxemburger Wort.

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